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Endlich angekommen! – Alaa al Hazzouris langer Weg von Syrien nach Lindenholzhausen und zu Much Leichtbauhallen

Sechs Uhr morgens, der Wecker klingelt. Anziehen, Frühstücken und dann los, denn die Arbeit wartet. Alltag! Eine Tür muss dringend repariert, ein Paneel mit Fenster eingebaut werden und außerdem steht noch ein wichtiger Ankerzugversuch auf dem Tagesplan – für einen geschickten Handwerker wie Alaa gibt es bei Much Leichtbauhallen jede Menge zu tun. Ein Glück, denn die Arbeit ist für Alaa al Hazzouri weit mehr als nur Broterwerb. Auf einmal ist da wieder etwas, das er viel zu lange entbehren musste: ein geregelter Alltag. Alltag – etwas, das in unseren Ohren manchmal nach Trott oder gar nach Überdruss klingt, ist für Alaa etwas ungemein Wertvolles, das ihm ein Stück verlorengegangene Sicherheit und Stabilität wiedergibt.

 

Alaa bei Much Leichtbauhallen 4

Tina Rost, Assistenz der Geschäftsleitung bei Much Leichtbauhallen, half Alaa al Hazzouri, wieder im Alltag anzukommen.

 

Alaa al Hazzouri kam im Herbst 2015 als Flüchtling nach Deutschland, nachdem er seine von Bürgerkrieg und Terror zerstörte Heimat hatte verlassen müssen. Heimat – auch das ein für uns so selbstverständlicher Begriff; ein Gefühl, so alltäglich, dass wir seine tiefe Bedeutung für unser Leben manchmal zu vergessen scheinen. Alaa hat es nicht vergessen, denn er musste miterleben, wie das Recht auf Heimat von Krieg und Bomben in Frage gestellt wurde, wie es durch Verfolgung verloren ging. Seine Heimat, das war Syrien – und alles, was er zurücklassen musste: die Freunde, mit denen er aufgewachsen war, die Orte seiner Kindheit, der Duft von getrockneten Früchten und Oliven, seine Arbeit als Tischler – und natürlich seine Familie. Alles nur noch Erinnerung.

Wenn Alaa von seiner Flucht erzählt, wird er ganz leise. Man sieht ihm an, wie viel Kraft es ihn kostet, es in Gedanken erneut zu durchleben. Von einem Land, das ihm nichts mehr zu bieten hatte außer Angst und einer ungewissen Zukunft, über ein hoffnungslos überfülltes Flüchtlingslager in der Türkei bis nach Deutschland brauchte er sieben schlaflose Tage und Nächte.

In Kleinasien schaffte er es auf ein Boot, das nach Griechenland übersetzte. Von dort ging es weiter mit Bussen und Zügen über Mazedonien, Serbien und Kroatien nach Ungarn, dann weiter nach Österreich und schließlich nach Deutschland, wo seine Odyssee aber vorerst noch kein Ende finden sollte. Es folgten stationäre Aufenthalte in provisorisch eingerichteten Auffanglagern in München, Braunschweig und Gießen, drei Monate in dem Flüchtlingslager in Limburg-Staffel und weitere sieben Monate in einer Unterkunft in Villmar, ehe er endlich in Lindenholzhausen eine dauerhafte Bleibe und ein Stück Normalität fand.

Denn in Lindenholzhausen – und zwar nur eine Tür weiter – wohnt auch Tina Rost; und Tina engagiert sich nicht nur ehrenamtlich im örtlichen Flüchtlingshelferkreis, sondern arbeitet auch bei Much Leichtbauhallen. Und wie es der Zufall wollte, suchte man dort seinerzeit einen Minijobber, der sich um die Pflege und Instandhaltung der in Lindenholzhausen gelagerten Container kümmert. Als Tina dann das Thema, eher beiläufig, auch im Kreise der Flüchtlingshelfer zur Sprache brachte, fiel sehr schnell Alaas Name. Er habe schon mehrmals sein handwerkliches Geschick gezeigt, sagte man, und sei der ideale Mann für den Job – und man behielt Recht. Denn schnell wurde klar, dass man Alaa weit mehr als nur die Wartung der Container anvertrauen konnte und aus dem Minijob wurde schon bald eine Festanstellung in Vollzeit.

 

Alaa bei Much Leichtbauhallen 3

 

Das war im Frühjahr 2019 und schon jetzt, ein knappes halbes Jahr später, ist Alaa aus dem Much’schen Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken. Zwar besorgt er nach wie vor auch die Instandhaltung der Container, ist darüber hinaus aber auch zuständig für deren Umbau, für Montagen und Reparaturen bei Kunden, für Transportfahrten sowie für alle kleineren und größeren Arbeiten in den eigenen Büroräumen. Seine ansteckend gute Laune, sein Geschick und sein unbedingter Wille, für alle Probleme eine Lösung zu finden, haben ihn längst unentbehrlich gemacht. Für seine Zukunft in der Firma plant man ein On-the-job Training und verschiedene Fortbildungen, durch die er vor allem im Bereich der Container-Montage zur Fachkraft ausgebildet werden soll. 

 

Alaa bei Much Leichtbauhallen 1

 

Man merkt bei jeder Gelegenheit: Die Arbeit, das Gebrauchtwerden, ist Alaa sehr wichtig. Aber natürlich gibt es auch für ihn noch ein Leben jenseits des Jobs. Und das findet in Lindenholzhausen statt, wo er nicht nur eine ansehnliche Parzelle im Geflügelzuchtverein bewirtschaftet, sondern demnächst auch in ein kleines Haus ziehen wird. Alaa will Fuß fassen, will sich einbringen, und mit jedem noch so kleinen Schritt in diese Richtung spürt er, wie das so lange vermisste Gefühl von Geborgenheit, von Vertrautheit und von gesellschaftlichem Miteinander nach und nach zurückkommt. Sein neues Leben, seine Zukunft, liegen in Deutschland, liegen in Lindenholzhausen – und das kann ihm jetzt, vor allem seit er hier seine Frau und seine beiden Kinder nach langer Trennung wieder in die Arme schließen durfte, endlich zur neuen Heimat werden. Alaa ist angekommen – auch mit dem Herzen.